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Beckenbodentherapie: Ein Thema, das zu selten angesprochen wird

Der Beckenboden ist eine Muskelgruppe wie andere auch: Er lässt sich untersuchen, gezielt ansteuern und trainieren. Beschwerden in diesem Bereich, etwa ungewollter Urinverlust, ein Druckgefühl oder Probleme nach Geburten und Operationen, sind häufig und in vielen Fällen physiotherapeutisch gut zu beeinflussen. Das größte Hindernis ist meist nicht die Behandlung, sondern die Scham, das Thema anzusprechen.

Wen es betrifft

Der Beckenboden wird oft mit Frauen nach der Geburt gleichgesetzt. Das greift zu kurz. Betroffen sein können ebenso Frauen ohne Geburten, Frauen in und nach den Wechseljahren, Männer nach Operationen im Bereich der Prostata, Menschen mit chronischem Husten, Menschen nach Operationen im Bauchraum, Sportlerinnen und Sportler mit hoher Druckbelastung sowie ältere Menschen.

Auch die Beschwerden sind vielfältiger als angenommen: ungewollter Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport, plötzlicher Harndrang, Druck- oder Fremdkörpergefühl, Beschwerden beim Stuhlgang, Schmerzen im Becken oder beim Geschlechtsverkehr.

Warum ärztliche Abklärung an den Anfang gehört

Beschwerden im Beckenbereich können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Bevor trainiert wird, sollte ärztlich geklärt sein, worum es geht. Das gilt besonders bei Blut im Urin oder Stuhl, bei Schmerzen mit Fieber, bei plötzlich aufgetretenen Symptomen, bei Taubheit im Bereich zwischen den Beinen oder bei einer neu aufgetretenen Störung der Blasen- oder Darmkontrolle. Letzteres kann ein Notfall sein und gehört sofort abgeklärt.

Ist das geschehen, gibt es eine Verordnung, und die Therapie kann auf einer klaren Grundlage arbeiten.

Was in der Behandlung passiert

Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch: Beschwerden, Auslöser, Trink- und Toilettengewohnheiten, Vorgeschichte, Belastungen im Alltag. Danach folgt die Untersuchung. Wie diese aussieht und was dabei geschieht, wird vorher erklärt, und Sie entscheiden mit. Nichts geschieht ohne Ihr Einverständnis, und Sie können jederzeit unterbrechen.

Die Behandlung selbst umfasst je nach Befund mehrere Bausteine.

  • Wahrnehmung: Viele Menschen können den Beckenboden zunächst nicht gezielt ansteuern
  • Gezielte Aktivierung und Entspannung, denn nicht jeder Beckenboden ist zu schwach, manche sind zu angespannt
  • Zusammenspiel mit Atmung und Rumpf, weil Druck im Bauchraum entscheidend ist
  • Verhalten im Alltag: Heben, Husten, Toilettengewohnheiten, Trinkmenge
  • Übertragung in Belastung, bis hin zu Sport

Der Punkt der Entspannung wird oft übersehen. Wer bei zu hoher Grundspannung einfach mehr trainiert, verschlimmert die Beschwerden. Auch deshalb ist die Untersuchung wichtig und ein Programm aus dem Netz keine gute Idee.

Warum es sich lohnt, es anzusprechen

Viele arrangieren sich still: Einlagen, Vermeidung von Sport, Toilettenplanung, Rückzug. Das schränkt das Leben ein, ohne dass es sein müsste. Beschwerden dieser Art sind weder ein normaler Teil des Alterns noch eine unvermeidliche Folge einer Geburt.

In der Praxis ist das Thema Alltag. Sie müssen keine Worte finden, die es hübscher machen. Sagen Sie schlicht, was passiert und wann. Wenn Ihnen die behandelnde Person unangenehm ist, dürfen Sie um eine andere bitten. Das ist ein normaler Wunsch.

Geduld und Kontinuität

Beckenbodentraining wirkt nicht in wenigen Terminen. Muskulatur braucht Wochen, und die Übertragung in den Alltag noch länger. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit zu Hause, eingebaut in Situationen, die ohnehin täglich vorkommen. Nach Erreichen des Ziels lohnt es sich, ein Grundmaß beizubehalten, weil sonst zurückkommt, was mühsam erarbeitet wurde.

Männer nach Operationen im Beckenbereich

Dass Beckenbodentherapie auch Männer betrifft, ist wenig bekannt. Nach Operationen im Bereich der Prostata ist ungewollter Urinverlust ein häufiges Thema, und gezieltes Training ist hier ein anerkannter Teil der Nachbehandlung. Verordnet wird es entsprechend, meist beginnend nach ärztlicher Freigabe.

Der Ablauf gleicht dem bei Frauen: zuerst Wahrnehmung und Ansteuerung, dann Aufbau, dann die Übertragung in Belastungen wie Husten, Heben und Sport. Auch hier gilt, dass Regelmäßigkeit über Wochen entscheidet und dass die Scham der größte Bremsklotz ist. Wer das Thema anspricht, bekommt Unterstützung. Wer wartet, arrangiert sich oft mit etwas, das behandelbar gewesen wäre.

Fazit

Beschwerden am Beckenboden sind häufig und meist behandelbar. Lassen Sie zuerst ärztlich abklären, sprechen Sie das Thema offen an und lassen Sie sich individuell untersuchen, statt zu trainieren, was gerade empfohlen wird. Nicht jeder Beckenboden braucht Kraft, manche brauchen Entspannung. Und rechnen Sie mit Wochen statt Tagen.

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